Abschied
Wenn eine Heilung nicht mehr möglich ist, und der
Kranke von Tag
zu Tag schwächer wird, spüren die Angehörigen, dass ihr
Familienmitglied bald sterben muss. Je nachdem, wie intensiv die
Beziehung zu dem Kranken ist, können auch bei ihnen die
gleichen heftigen Gefühlsreaktionen auftreten wie beim Sterbenden
selbst: Sie wollen zeitweise nicht glauben, dass der Betroffene
wirklich sterben wird, sind wütend und haben Angst. Auch sie
durchleben ein Wechselspiel von Hoffnung und Verzweiflung oder
sind zutiefst traurig und deprimiert, wenn der Tod unausweichlich
bleibt. Oftmals empfinden Angehörige auch Schuldgefühle
gegenüber dem Betroffenen. Tiefe Gefühle gehören zum
Prozess des Abschiednehmens. Sie sind wichtig und helfen, den drohenden
Verlust zu verarbeiten.
Die Begegnung mit dem Sterben eines Familienmitgliedes konfrontiert
Angehörige immer auch mit dem eigenen Tod.
Der Umgang mit diesem Thema ist für die meisten Menschen ungewohnt
und oft mit großer Angst verbunden.
Suchen Sie sich Unterstützung. Vertrauen Sie Ihre Gefühle und
Ängste nahestehenden Menschen an.
Vielleicht hilft Ihnen auch ein Gespräch mit einem Seelsorger,
einem Arzt oder anderen Außenstehenden,
sich seelisch zu entlasten und zu spüren, dass Sie nicht alleine
mit allem fertig werden müssen.
Trotz aller Belastungen kann das Abschiednehmen auch für
Angehörige zu einer Zeit der Entwicklung und der Öffnung
für spirituelle
und religiöse Themen werden. Fragen nach dem Sinn des Daseins,
einem Weiterleben nach dem Tod oder die Frage,
ob es ein "Wiedersehen" mit dem kranken Angehörigen geben wird,
treten ins Bewußtsein. Die eigene Beziehung zum
Sterbenden wird überprüft:
Wie war mein Leben mit dem Kranken? Wie wird es sein wenn er nicht mehr
da ist? Von welchen gemeinsamen Träumen
muss ich mich verabschieden?
Die meisten Patienten spüren, dass sie sterben werden.
Angehörige wissen oft nicht, wie sie damit umgehen sollen.
Suchen Sie das offene Gespräche mit dem Kranken, ohne ihm das
Sprechen über den Tod aufzudrängen.
Offenheit ermöglicht sowohl Ihnen als auch dem Patienten selbst,
noch Unerledigtes zu klären:
Das kann das gegenseitige Aussöhnen nach früheren
Kränkungen sein oder die gemeinsame Suche nach spirituellen
Antworten.
Oft tauschen Patient und Angehörige Erlebnisse und Erinnerungen
aus und trauern gemeinsam über den bevorstehenden Abschied.
Offene Gespräche ermöglichen auch die Regelung formaler
Dinge: Wo will der Patient sterben? Wie soll die Beerdigung gestaltet
werden?
Wie sollen Erbangelegenheiten geregelt werden? Meist ist es eine
große Erleichterung für Angehörige und Patienten,
die Wünsche des Betroffenen berücksichtigt zu wissen.
Jeder Mensch stirbt seinen eigenen Tod.
Manche erreichen einen Zustand, in dem sie den Tod akzeptieren und
Frieden gefunden haben.
Andere wehren sich bis zuletzt.
Manchmal ist der Kranke bereit zu gehen, aber der Angehörige kann
ihn nicht loslassen.
Klammern Sie sich nicht an ihn.
Erlauben Sie ihm zu gehen.
Trauer
Selbst wenn Patient und Angehörige sich lange auf das Sterben
vorbereiten konnten, löst die Endgültigkeit des Todes bei
denjenigen, die zurückbleiben, starke Gefühle aus. Obwohl
jeder auf seine eigene Art trauert,
durchlaufen die meisten Menschen typische Trauerphasen.
Dr. Doris Wolf ("Einen geliebten Menschen verlieren", PAL Verlag)
beschreibt sie so:
1. Die Phase des
Nicht-Wahrhaben-Wollens des Schocks und
der Verleugnung.
Der Hinterbliebene ist wie
erstarrt,
kann gar nicht glauben, dass der Kranke wirklich tot ist oder reagiert
mit einem Gefühlsausbruch.
2. Die Phase der
aufbrechenden Gefühle
Der Angehörige erlebt heftige
Gefühle der Verzweiflung, Angst, Hilflosigkeit und Einsamkeit.
Häufig sind Trauernde wütend auf den Verstorbenen und sich
selbst und empfinden Schuldgefühle. Begleitet werden diese
Gefühle von massiven körperlichen Beschwerden (z.B.
Ruhelosigkeit, Appetitverlust, Gefühle des Zugeschnürtseins).
3. Die Phase der
langsamen Neuorientierung.
Der Verlust wird langsam akzeptiert. Der
Trauernde widmet sich wieder seinen alten Aktivitäten oder sucht
sich neue Aufgaben
und entwickelt ein neues Selbstwertgefühl.
4. Die Phase des neuen
inneren Gleichgewichts.
Der Hinterbliebene hat ein neuen Sinn im
Leben gefunden. Er fühlt sich wieder im Gleichgewicht
und sieht zuversichtlich in die Zukunft.
Trauerphasen müssen nicht in dieser Reihenfolge auftreten. Sie
können sich ganz vermischen, überlappen oder abwechseln.
Wie ein Mensch trauert, hängt von seiner Persönlichkeit und
der Beziehung ab, die er zu dem Verstorbenen hatte.
Regeln oder gar Vorschriften für die »richtige« Art
des Trauerns kann es deshalb nicht geben.
Trauer hat ihre eigene Zeit. Es gibt keine allgemein gültige
Zeitspanne, innerhalb der man den Verlust eines nahen Angehörigen
verarbeitet haben und darüber hinweg gekommen sein muss. Trauernde
möchten oft nach einiger Zeit
wieder zum normalen Alltag zurückkehren und stellen fest, dass sie
sich damit schwer tun. Nehmen Sie sich so viel Zeit zum Trauern,
wie Sie persönlich brauchen und lassen Sie sich nicht von anderen
unter Druck setzen, auch wenn diese es gut mit Ihnen meinen.
Das bewusste Durchleben aller Gefühle, das Akzeptieren des Todes
und der damit verbundenen Schmerzen ist wichtig und hilft,
den Verlust zu verarbeiten.